Ilona Rauscher

Bericht über die integrative Beschulung eines Jungen in der Grundschule in Heimbuchenthal

Vorstellung der Situation und der Vorgeschichte

Julian ist als 3. von 4 Kindern im September 1990 geboren. Seine 2 Brüder sind wesentlich älter als er, eine Schwester ist jetzt in der 1. Klasse .
Julian wohnt in Heimbuchenthal und besuchte dort auch den Kindergarten.
Im April 1997 beantragten seine Eltern die Aufnahme Julians in die Grundschule Heimbuchenthal. Der Rektor dieser Schule, Herr Heinrich kannte Julian und seine Eltern
schon länger. Er hat selber einen inzwischen erwachsenen Sohn mit Down-Syndrom und stand deshalb diesem Versuch durchaus aufgeschlossen gegenüber.
Julian nahm an dem allemeinen Einschulungstest der Grundschule teil. Hier wurde deutlich, dass eine lernzielgleiche Unterrichtung wohl nicht möglich war. Im Rahmen der schulärztlichen Untersuchung bescheinigte das Gesundheitsamt Aschaffenburg Julian die Schulfähigkeit in körperlicher Hinsicht. Bezüglich der Art der Schule wurde hier eine Entscheidung offengehalten.: “ In welcher Schule Julian am besten gefördert werden kann, muss von pädagogischer Seite beurteilt werden. Kooperation zwischen Schulleitung, Schulamt und Leitung der Förderschule G erscheint angezeigt” (Gutachten des Landratsamts Aschaffenburg, Abteilung Gesundheitswesen.)
Zu dieser Kooperation kam es dann im Juli 97. Frau Pfeifer, die künftige Lehrerin von Julian kam zu einem Hospitationsbesuch in unsere Schule. Kurze Zeit später bestätigte der zuständige Schulrat für die Förderschulen, Herr Lüft, dass Julian Anspruch auf sonderpädagogische Förderung im Umfang von 3 Wochenstunden hat. Ich erklärte mich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Es kam dann noch kurz vor Ende des Schuljahres 96/97 zu einem gemeinsamen Gespräch aller Beteiligten in der Schule in Heimbuchenthal. Daran nahmen außer Julian und seiner Mutter noch Frau Pfeifer als Grundschullehrerin und Herr Heinrich als Rektor der Schule in Heimbuchenthal Herr Reisert als Rektor der Förderschule für individuelle Lebensbewältigung Aschaffenburg, ich als betreuende Sonderschullehrerin auch die beiden Erzieherinnen des Kindergartens von Heimbuchenthal teil. In diesem Gespräch wurden auch die Voraussetzungen und Bedingungen für den Besuch der Grundschule festgelegt:
1. Die Beschulung in der Grundschule ist ein Versuch. Alle daran Beteiligten betreten damit für sie Neuland. Es muss also abgewartet werden, wie sich die Sache entwickelt, wo Hilfe gebraucht wird und in welcher Form. Es ist sinnlos, bereits jetzt Pläne zu machen für Julians Schulbesuch. Erst in der konkreten Situation wird sich herausstellen, welche Hilfen und Unterstützungen gegeben werden müssen.
2. Die zeitliche Dauer des Versuchs bleibt offen. Sie hängt davon ab, wie sich der Schulbesuch Julians entwickelt.
3. Die Schule zur individuellen Lebensbewältigung in Aschaffenburg ist jederzeit bereit, Julian aufzunehmen, wenn es in der Grundschule nicht mehr geht.
4. Julians Eltern sind bereit, sich über das normale Maß hinaus zu engagieren. So bringt die Mutter Julian an die Haltestelle des Schulbusses und wartet, bis er eingestiegen ist. Sie holt ihn auch dort wieder ab. Julians Mutter ist auch bereit, jederzeit in die Schule zu kommen und Julian abzuholen, wenn dies aus irgendeinem Grund nötig ist. Regelmäßige Gespräche mit der Mutter werden vereinbart. Zur Kommikation zwischen Eltern und Schule wird der Gebrauch eines Notizheftes vereinbart.
5. Wir vereinbaren, dass ich jeden Freitag in den ersten 3 Schulstunden in Heimbuchenthal bin. 2 Stunden davon verbringe ich in der Klasse oder mit der Einzelförderung von Julian ,
6. Stunde dient zur Besprechung der anstehenden Probleme und der Vorplanung der kommenden Woche mit Frau Pfeifer.
7. Der Klasse steht stundenweise eine Förderlehrerin zu Differenzierungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Meine Arbeit und meine Aufgaben im Verlauf des 1. und 2. Schuljahres:

In der konkreten Situation des Schulalltages stellte sich schnell heraus, wo ich als Sonderschullehrerin gebraucht wurde und wo meine Aufgaben lagen. Als ich am Freitag der ersten Schulwoche in die Klasse kam, erlebte ich die Schwierigkeiten, die sich mit dem Schulbesuch eines Kindes mit Down-Syndrom in einer Grundschulklasse ergeben können, sehr konkret. Julian reagierte kaum auf Aufforderungen und Anweisungen von Frau Pfeifer. Er stand während des Morgenkreises immer wieder auf und lief umher und ignorierte alle Er-
mahnungen, sich zu setzen. Er befolgte keine Arbeitsaufträge. Nachdem die verbalen Aufforderungen nichts nützten, nahm ich ihn bei der nächsten Gelegenheit an der Hand und setzte ihn auf seinen Stuhl. Auch bei Tätigkeiten, denen er sich widersetzte, half es , wenn man sie mit Handführung mit ihm ausführte, auch gegen sein Sträuben. Nach anfänglichem Widerstand arbeitete Julian meist allein weiter. Ein grosses Problem war sein Spucken, das immer dann auftauchte, wenn er sich verteidigen wollte, oder ihm etwas nicht passte. Ich drehte Julians Stuhl dann gegen die Wand, um ihm damit bewusst zu machen, dass er sich mit
diesem Verhalten nicht in der Klassengemeinschaft aufhalten konnte. Er bekam gesagt, dass er seinen Stuhl wieder umdrehen könne, wenn er nicht mehr spucke. Anfangs war Julian dadurch sehr beleidigt, aber bald zeigte die Massnahme Erfolg. Sein Spucken im Klassenzimmer hörte bald ganz auf. Lediglich in den Pausen kommt es zuweilen noch vor. An diesen Beispielen zeigte sich ein erster Schwerpunkt meiner Tätigkeit;
Die Lehrerin der Grundschule, Frau Pfeifer musste zu einem sehr direkten Umgang mit Julian ermuntert werden . Der Umgang in der Grundschule zwischen Lehrer und Schüler ist viel stärker verbal geprägt als dies in der Förderschule der Fall ist. Für Julian war der manchmal noch sehr “handgreifliche” Umgang notwendig. Er ersparte dauernde Anweisungen und wirkte
eindeutig. Durch meine Teilnahme am Unterricht war es so in den ersten Wochen möglich, dass Frau Pfeifer die Art des Umgangs mit Julian an meinem Beispiel erlernen konnte.
Es galt und gilt auch, immer wieder anstehende, praktische Probleme zu lösen. So erschien Julian in den ersten Wochen allein von der Dauer des Unterrichts überfordert. Auf meine Anregung hin wurde eine “Rückzugsecke” im Klassenzimmer für ihn geschaffen: Eine kleine Matratze mit einigen Spielsachen. Wir vereinbarten auch die Art und Weise der Benutzung. Julian sollte diese Ecke auf keinen Fall dazu benutzen, um sich vor Aufgaben zu drücken, die er nicht mochte. Er sollte immer erst eine für ihn angemessene Aufgabe gemacht haben, bevor er sich zurückzog. Dies gelang auch gut. Julian brauchte diese Ecke dann nach einigen Wochen nicht mehr und sie wurde wieder aufgelöst. Probleme gab es auch in der Pause. Julian war bereits in der ersten Woche einige Male rasch aus dem Pausehof hinausgelaufen. Ein gemeinsames Gespräch mit dem Schulleiter, Frau Pfeifer und mir brachte 2 Maßnahmen, die schnell zum Erfolg führten. Herr Heinrich vereinbarte, dass sich der zuständige Sanitätsdienst der Schule, einige Schüler aus der Hauptschule, für Julian zuständig fühlte und ein Weglaufen verhinderte. Ich brachte 2 Signalkarten mit, die ihm vor der Pause, bzw. vor dem Heimfahren gezeigt wurden. Auf der Pausekarte war ein Brot abgebildet. Sie wurde Julian vor der Pause gezeigt mit den Worten: “Jetzt ist Pause. Nimm dein Brot und geh auf den Hof. Die Tasche bleibt hier. Du fährst noch nicht heim.” In der gleichen Art wurde ihm bei Schulschluss die Karte mit dem Bus gezeigt. Bisher konnten alle auftretenden Probleme durch gemeinsame Gespräche und Absprachen gelöst werden.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt in der Unterstützung des Lernens und der
Bereitstellung entsprechender Lern- und Arbeitshilfen für Julian.So zeigte sich z.B. sehr bald, dass Julian mit dem Schreiben in die Liniatur der 1. Klasse restlos überfordert war. Ich brachte daher Arbeitsblätter mit einer stark vergrösserten Liniatur und Betonung der Grundlinie mit, die dann schrittweise variiert wurde. Etwa nach einem halben Jahr konnte Julian die normalen Zeilen der 1. Klasse benutzen und war stolz, jetzt auch in ein Heft schreiben zu können. Nach der Einführung der Druckbuchstaben, der Julian recht gut folgen konnte, war die Synthese der Buchstaben eine hohe Hürde für ihn . Nachdem die Fibel der Klasse dafür nicht geeignet war, brachte ich Arbeitsblätter des Leselehrgangs mit, den wir an unserer Schule schwerpunktmässig verwenden. Julian erhielt dadurch einen neuen Motivationsschub, sich mit Buchstaben und mit dem Lesen zu befassen. Die Arbeitsmaterialien mussten so gestaltet sein, dass er nach einer Anleitung am Freitag in der Einzelsituation im Laufe der Woche entsprechend üben konnte. Julian musste deshalb erst bestimmte Techniken entwickeln und über diese dann sicher verfügen, damit er auch ohne dauernde Hilfe mit dem
Material arbeiten konnte. Solche Techniken waren z.B. das Heraussuchen und Markieren bestimmter Buchstaben, das Ausschneiden und Zuordnen von Wörtern zu Bilder oder umgekehrt, das Verbinden gleichartiger Wörter, das Ergänzen von fehlenden Buchstaben in Wörtern und dgl. Da diese Techniken erst im Laufe der Zeit eingeführt werden konnten , musste ich zunächst alle Materialien, die ich mitbrachte, auf die jeweilige Technik abstimmen, die Julian schon beherrschte. Da ich Freitags immer die Materialien für die ganze Woche mit-
brachte, ergab sich daraus ein erheblicher Aufwand der Vorbereitung. Der Lohn dieses Aufwands kam schneller als von mir erwartet. Im Mai des ersten Schuljahres zeigte sich, dass Julian Wörter synthetisierend erlesen konnte. Seine Fortschritte auf diesem Bereich sind für mich immer wieder verblüffend und höchst erfreulich. Sie stellen gleichzeitig für mich eine
immer neue Motivation dar, entsprechende Arbeitsmaterialien und Spiele zu gestalten.
Sehr viel mühsamer als im Lesen und Schreiben gestaltete sich die Situation im mathematischen Unterricht . Schnell zeigte sich, dass Julian wenig Lust und Bereitschaft hatte, sich auf den Umgang mit Zahlen und Mengen einzulassen. Er räumte Materialien aus diesem Bereich immer umgehend wieder weg und weigerte sich, sich damit zu beschäftigen. Spielerische Übungen und der handgreifliche Umgang mit Gegenständen des Alltags, die sortiert und gezählt wurden, Sortierübungen mit Muggelsteinen, Auffädeln von Perlen auf eine Kette nach einer bestimmten Reihenfolge brachten erste Annäherung auf diesem Bereich. Dennoch dauerte es fast bis Weihnachten des 1. Schuljahres , bis Julian die Menge bis 3 beherrschte. Auch hier galt es, ihm immer wieder abwechslungsreiches, motivierendes Lernmaterial zu bieten, an dem er dann möglichst selbständig üben konnte. Inzwischen kann Julian sicher bis 10 zählen, verfügt über einen Mengenbegriff bis 8 und kann in diesem Bereich Plus- und Minusaufgaben mit entsprechendem Anschauungsmaterial rechnen. Er ist immer noch kein Freund von Mathematik, aber er arbeitet und macht Fortschritte. Und er kann das Gelernte in Alltagssituationen anwenden. So spielt er z.B. mit grosser Begeisterung “Mensch ärgere dich nicht” oder andere Brettspiele. Beim Memory-Spiel zählt er seine Karten, vergleicht mit seinen Mitschülern und freut sich, wenn er mehr hat als die anderen.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit an der Grundschule liegt darin, mit Frau Pfeifer
gemeinsam die Entwicklung Julians zu beobachten, zu analysieren und die notwendigen weiteren Schritte zu besprechen. Wichtig war und ist uns dabei immer auch die soziale Situation Julians in der Klassengemeinschaft. Erfreulicherweise ist diese recht problemlos.
Julian ist gut in die Klassengemeinschaft integriert. Er hat zu den meisten Mitschülern guten Kontakt und wird von ihnen akzeptiert. Er erfährt durch sie Grenzen, aber sie gestehen ihm

auch klaglos Sonderrechte zu, ohne diese für sich zu beanspruchen. So setzt sich Julian

öfter bei Frau Pfeifer oder einer Mitschülerin auf den Schoß, wenn vorgelesen wird. Kommt er von der Einzelförderung mit mir in die Klasse zurück, zeigt er stolz, was er gemacht hat und wird von seinen Mitschülern dafür gelobt. Der Umgang der Schüler mit Julian ist unkompliziert und direkt. Seine Behinderung spielt dabei , wenn überhaupt, eine sehr untergeordnete Rolle.

Julian wird so akzeptiert, wie er ist. Sicher ist dabei auch das Beispiel von Frau Pfeifer massgebend, die Julian mit grosser Selbstverständlichkeit behandelt.

In regelmässigen Abständen kommt die Mutter von Julian zu gemeinsamen Gesprächen mit Frau Pfeifer und mir in die Schule. Wir erfahren dabei von Julians Aktivitäten zu Hause, von der Art und Weise , wie er seine Hausaufgaben erledigt, wir sprechen über Therapien wie

Logopädie und Ergotherapie, wir besprechen, wie Julian durch praktische Tätigkeiten daheim gefördert werden kann. Auch hier ist mein sonderpädagogischer Rat immer wieder gefragt.

Zusammenfassung und Stellungnahme:

Julians Einschulung in die Grundschule war ein Versuch, bei dem keinerlei Vorerfahrungen bestanden. Nach fast 1 1/2 Schuljahren kann ich feststellen, dass die Beschulung an der Grundschule für Julian bisher durchaus positiv verlaufen ist.


Es gibt einige Faktoren, die diesen positiven Verlauf erst ermöglichten, bzw. ihn begünstigten:

Bei allen Schwierigkeiten des Anfangs erlebe ich diese Art meiner Tätigkeit als Sonderschullehrerin inzwischen sehr positiv. Ich empfinde die Zusammenarbeit mit Frau Pfeifer als sehr bereichernd für meine Arbeit. Auch das intensive Kennenlernen einer Grundschulklasse und ihre Art des Lernens ist für mich bereichernd. Die Fortschritte Julians und seine Freude am Lernen belohnen für die aufwendige Vorbereitung des Lernmaterials für die gesamte Woche.

Hier liegt gleichzeitig meine Kritik, die ich nicht außer acht lassen möchte:

3 Stunden sonderpädagogische Betreuung sind einfach sehr knapp bemessen. Der Aufwand für die Erstellung der Arbeitsmaterialien und Besprechungen ist ein recht hoher. Soll dieses Modell der Beschulung grössere Verbreitung finden, so ist eine entsprechende Ausstattung mit mehr Stunden für Beratung und Vorbereitung einfach einzufordern. Der Erfolg eines solchen

Versuchs sollte nicht zu einem grossen Teil vom pädagogischen Idealismus der Beteiligten abhängig sein.

Wenn Integration behinderter Kinder in die Regelschule als eine Form der Beschulung solcher Kinder in breiterem Umfang möglich werden soll, gilt es, die Bedingungen so zu gestalten, dass der Erfolg einer solchen Massnahme nicht primär vom Wohlwollen und dem Engagement der Beteiligten abhängig sein darf. Insbesondere der Grundschullehrer muß die Möglichkeit haben, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, sei es durch Lehrgänge, Hospitationen und dgl. Die Rahmenbedingungen sollten so gestaltet sein, dass vermieden wird, dass der Grundschullehrer noch in erheblichem Umfang zusätzlich belastet wird.



Haibach, 13.1.1999



Ilona Rauscher

Julius-Echter-Str.3

63808 Haibach


Sonderschullehrerin an der Comeniusschule zur individuellen Lebensbewältigung in Aschaffenburg.