auch klaglos Sonderrechte zu, ohne diese für sich zu beanspruchen. So setzt sich Julian
öfter bei Frau Pfeifer oder einer Mitschülerin auf den Schoß, wenn vorgelesen wird. Kommt er von der Einzelförderung mit mir in die Klasse zurück, zeigt er stolz, was er gemacht hat und wird von seinen Mitschülern dafür gelobt. Der Umgang der Schüler mit Julian ist unkompliziert und direkt. Seine Behinderung spielt dabei , wenn überhaupt, eine sehr untergeordnete Rolle.
Julian wird so akzeptiert, wie er ist. Sicher ist dabei auch das Beispiel von Frau Pfeifer massgebend, die Julian mit grosser Selbstverständlichkeit behandelt.
In regelmässigen Abständen kommt die Mutter von Julian zu gemeinsamen Gesprächen mit Frau Pfeifer und mir in die Schule. Wir erfahren dabei von Julians Aktivitäten zu Hause, von der Art und Weise , wie er seine Hausaufgaben erledigt, wir sprechen über Therapien wie
Logopädie und Ergotherapie, wir besprechen, wie Julian durch praktische Tätigkeiten daheim gefördert werden kann. Auch hier ist mein sonderpädagogischer Rat immer wieder gefragt.
Julian ist sozial gut in die Klassengemeinschaft integriert.
Er hat auf vielen Gebieten gute Fortschritte gemacht.
Er hat gelernt, selbständig zu arbeiten und sich mit Lernmaterialien zu beschäftigen.
Er orientiert sich sprachlich und in seinem Sozialverhalten am Vorbild seiner Mitschüler. Besonders auffallend sind seine sprachlichen Fortschritte.
Julian geht mit grosser Begeisterung in die Schule und zeigt grosse Freude am schulischen Lernen und Arbeiten, sowie am Zusammensein mit seinen Mitschülern.
Es gibt einige Faktoren, die diesen positiven Verlauf erst ermöglichten, bzw. ihn begünstigten:
Herr Heinrich ebnete durch sein Verständnis und seine Erfahrungen mit Menschen mit Down-Syndrom viele Wege: Einsatz der Förderlehrerin, Betreuung Julians durch den Sanitätsdienst in der Pause, Hilfe für Julian beim Werken durch Schülerinnen, die gerade Freistunde haben und dgl. Bei auftretenden Problemen suchten wir gemeinsam nach Möglichkeiten und haben bisher auch immer welche gefunden.
Mit Frau Pfeifer bekam Julian eine sehr erfahrene und kompetente Grundschullehrerin als Klassenlehrerin, die die auftretenden Problemen mit viel Gelassenheit, Geduld und Offenheit für neue Massnahmen bewältigte. Das Selbstverständnis, mit dem sie Julian begegnet, wirkt sich sowohl auf die Schüler , wie auf deren Eltern positiv aus.
Julians Mutter engagiert sich bei Hausaufgaben und bei der Förderung Julians in überdurchschnittlicher Weise. Die Zusammenarbeit mit ihr ist problemlos, geprägt von Offenheit und von der Bereitschaft, schulische Anregungen im häuslichen Alltag umzusetzen und anzuwenden.
Bei allen Schwierigkeiten des Anfangs erlebe ich diese Art meiner Tätigkeit als Sonderschullehrerin inzwischen sehr positiv. Ich empfinde die Zusammenarbeit mit Frau Pfeifer als sehr bereichernd für meine Arbeit. Auch das intensive Kennenlernen einer Grundschulklasse und ihre Art des Lernens ist für mich bereichernd. Die Fortschritte Julians und seine Freude am Lernen belohnen für die aufwendige Vorbereitung des Lernmaterials für die gesamte Woche.
Hier liegt gleichzeitig meine Kritik, die ich nicht außer acht lassen möchte:
3 Stunden sonderpädagogische Betreuung sind einfach sehr knapp bemessen. Der Aufwand für die Erstellung der Arbeitsmaterialien und Besprechungen ist ein recht hoher. Soll dieses Modell der Beschulung grössere Verbreitung finden, so ist eine entsprechende Ausstattung mit mehr Stunden für Beratung und Vorbereitung einfach einzufordern. Der Erfolg eines solchen
Versuchs sollte nicht zu einem grossen Teil vom pädagogischen Idealismus der Beteiligten abhängig sein.
Wenn Integration behinderter Kinder in die Regelschule als eine Form der Beschulung solcher Kinder in breiterem Umfang möglich werden soll, gilt es, die Bedingungen so zu gestalten, dass der Erfolg einer solchen Massnahme nicht primär vom Wohlwollen und dem Engagement der Beteiligten abhängig sein darf. Insbesondere der Grundschullehrer muß die Möglichkeit haben, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten, sei es durch Lehrgänge, Hospitationen und dgl. Die Rahmenbedingungen sollten so gestaltet sein, dass vermieden wird, dass der Grundschullehrer noch in erheblichem Umfang zusätzlich belastet wird.
Haibach, 13.1.1999
Ilona Rauscher
Julius-Echter-Str.3
63808 Haibach
Sonderschullehrerin an der Comeniusschule zur individuellen Lebensbewältigung in Aschaffenburg.