Mechthild Pfeifer, Lehrerin

Die ganz normale Einschulung eines Jungen mit Down-Syndrom

Im Schuljahr 1997/98 sollte in die erste Jahrgangsstufe unserer Regelschule ein Schüler mit Down-Syndrom eingeschult werden. Mein Schulleiter informierte mich über die Situation, da ich die erste Klasse übernehmen sollte. Mein erster Gedanke war, dass die Eltern wohl sehr ehrgeizig sein werden und auch die Behinderung ihres Kindes nicht so recht akzeptieren werden.
Zwar besuchte das Kind die ganze Kindergartenzeit den örtlichen Kindergarten und wurde auch hier individuell betreut, doch war ich trotzdem sehr skeptisch, wie ein Besuch der Grundschule möglich sein sollte.
Im Juli 1997 besuchte ich, wie jedes Jahr, wenn ich eine erste Klasse übernehmen sollte, den Kindergarten um erste Kontakte zu den Schulanfängern zu knüpfen. Das Kind lernte ich ebenfalls kennen. Er wandte sich von mir ab und war zu keinem Kontakt bereit. Er spielte mit anderen Kindern, drehte sich aber weg, wenn ich mich an dem Spiel beteiligte. Die Kindergärtnerinnen hatten zu ihm Zugang gefunden. An allgemeinen Spielen beteiligte er sich selten, beobachtete aber den Ablauf genau. Der Alltag des Kindergartens wurde von ihm im allgemeinen akzeptiert, doch war dieser im Vergleich zum Schulalltag weit freier und offener gestaltet.
Mit der Mutter nahm ich bei der Schuleinschreibung Kontakt auf und konnte ihre Ansichten näher kennenlernen. Hier wurde mir deutlich, dass die Mutter vor allem auch Wert darauf legte, dass das Kind nicht aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen wird. Die Kontakte die durch den Besuch des Kindergartens geknüpft worden sind, sollten aufrechterhalten werden und vielleicht auch ausgebaut werden, um so eine Integration zu ermöglichen. Selbstverständlich wollte sie auch die bestmögliche Förderung für ihren Sohn erreichen. Sie war der Überzeugung, dass dies in einer Grundschulklasse möglich sein könnte. Allerdings war sie sich auch dessen bewusst, dass die Lernfortschritte wahrscheinlich nicht im gleichen Tempo fortschreiten wie bei den anderen Schülern, sondern langsamer verlaufen werden.
Da der Schüler in unsere Schule aufgenommen werden sollte, musste auch er zum Screening kommen. Er ging mit den anderen Kindern in die Klasse war dort aber nicht bereit, seinen Platz einzunehmen. Die Testergebnisse lagen weit unter den Leistungen der anderen Kindern. Er konnte die Farben nicht benennen, was auch mit seiner Sprache und Artikulationsfähigkeit im Zusammenhang steht. Er wich nicht von meiner Seite und saß zum Schluss nur noch auf meinem Schoß.
Außerdem nahmen wir Kontakt zu der "Schule zur individuellen Lebenshilfe" auf. Ich konnte dort einen Tag hospitieren und so die Arbeit mit behinderten Kindern ein bißchen kennenlernen. Auch waren die Gespräche mit verschiedenen Lehrern der Schule für mich sehr hilfreich. Auf eigenen Wunsch konnte ich dann noch einen Tag an der "Schule zur individuellen Lernförderung" hospitieren, was nicht nur für die augenblickliche Situation wichtig war, sondern mir ebenfalls Hilfen für meine tägliche Arbeit in der Schule bietet.
Nun erhielten wir noch die Zusage, dass drei Stunden pro Woche eine Lehrkraft zur speziellen Förderung des Schülers zur Verfügung sein wird.
Weiter erhielten wir vom Kindergarten die Zusicherung, dass der Schüler jederzeit wieder in den Kindergarten aufgenommen wird, wenn er sich nicht in das Schulleben eingewöhnt. Dies war für mich persönlich eine große Beruhigung, da dadurch ein gewisser Druck genommen wurde und mir ein freierer Umgang mit der Situation möglich war.
Der Tag der Einschulung verlief fast reibungslos. Die Mutter begleitete den Schüler nach der Begrüßung in der Aula ins Klassenzimmer und brachte ihn an seinen Platz. Danach verabschiedete sie sich wie alle Eltern und verließ das Klassenzimmer.
Die Schüler gingen nach der zweiten Stunde gemeinsam in den Pausenhof und verbrachten dort ihre Pause. Nach der Pause wollte der Schüler wegrennen, weil er zu seinem Opa wollte. Die Mitschüler konnten ihn festhalten und beruhigen. Er wollte noch häufiger weglaufen. Der Pausendienst achtete nun verstärkt auf den Schüler, damit er rechtzeitig aufgehalten wurde. Langsam gewöhnte er sich an die Pausenordnung und blieb mit den anderen Schülern im Pausenhof.
Am Morgen fährt der Junge immer mit dem Schulbus. Er geht mit seinen Mitschülern ins Schulhaus und setzt sich im Klassenzimmer auf seinen Platz. Anfangs nahm er die "Kauerstellung" ein und verharrte so, bis er in den Stuhlkreis gebracht wurde. Er ging auch danach nicht von alleine auf seinen Platz zurück. Manchmal setzte er sich auf den Schoß oder auch auf den Boden und verfolgte so das Unterrichtsgeschehen. Immer wieder verließ er auch spontan den Platz um jemanden zu streicheln oder in den Arm zunehmen. Nach einiger Zeit begann er am Morgen seine Tasche auszupacken und den Tisch herzurichten. Er legte seien Hausaufgaben hin und beobachtete seine Mitschüler. Mit der Zeit lernte er, seinen Stuhl in den Kreis zutragen und setzte sich meist auch darauf.
Am Unterricht beteiligte er sich selten. Er beobachtete meist, was die anderen Schüler machten, wollte es aber nicht nachmachen. Wenn er einen Buchstaben an der Tafel nachfahren sollte, weigerte er sich zuerst. "Nein, kann nicht!" war seine Antwort. Auch auf ermunternden Zuspruch reagierte er nicht. Wie sollte ich ihn zum Arbeiten hinführen? Hier war mir die betreuende Kollegin eine wichtige Hilfe. Sie zeigte mir, dass ich den Jungen an der Hand nehmen muss und ihn auch zum Arbeiten zwingen muss. Er musste oft mit Nachdruck an die Tafel geführt werden, wo er dann unter Protest mit mir den Buchstaben nachspurte. Allmählich wurde er dann lockerer und führte die Aufgabe freudig aus.
Nach und nach fand er großen Spaß an solchen Aufgaben und wollte immer sofort an die Tafel. Anfangs ließen ihm die Schüler auch meist den Vortritt, doch lernte er auch, dass er abwarten muss und nicht immer sofort an der Reihe ist.
In der ersten Zeit benötigte er noch häufiger Ruhephasen. Er konnte sich nur kurzzeitig konzentrieren und hatte auch nicht genügend Ausdauer. Er ging dann zu den Schülern und schaute, wie sie ihre Arbeiten erledigen. Er kommentierte, lobte und schimpfte, verstand aber auch, dass er, wenn er stört zum Platz muss. Die Schüler tolerierten seine Ausnahmestellung und nahmen Rücksicht.
Bei der Stillarbeit arbeitete er kaum selbstständig. Er musst laufend gezeigt bekommen, dass er eine Zeile schreiben sollte oder ein Bild fertig ausmalen muss. Er führte einen Arbeitsschritt aus und wollte sofort wieder Hilfe haben. Zwar war die Klasse mit 24 Schülern nicht übermäßig groß, doch brauchten auch andere Schüler individuelle Hilfestellungen. Auch die Förderlehrerin, die täglich meist zwei Stunden bei mir in der Klasse war, musste sich ebenfalls um Schüler, die Lernschwierigkeiten hatten, kümmern. Er lernte, dass er einen Arbeitsauftrag fertigstellen muss und nur dann Hilfe fordert, wenn er es nicht bewältigt, In der Zwischenzeit führt er seine schriftlichen Aufgaben weitgehend selbstständig aus. Er kann sich mit einem Arbeitsblatt eine gewisse Zeit beschäftigen und sucht sich auch selbst Arbeit.
Im Schreiben mussten wir sehr zeitig differenzieren. Nach den ersten Schreibversuchen kam die Ernüchterung. Die Lineatur war für den Schüler viel zu klein, seine Feinmotorik nicht geschult genug. Trotz seiner Bemühung, wurde er den Anforderungen nicht gerecht. In Rücksprache mit der Mutter haben wir die Lineatur gewählt, mit der nun der Schüler zurecht kam. Die Anforderungen haben wir immer seinem Lernfortschritt angepasst. Die Zusammenarbeit mit der betreuenden Lehrerin verlagerte sich nun mehr auf unterrichtspraktische Hilfen um eine Differenzierung in diesem Ausmaß zu ermöglichen. Die Arbeitstechniken führte die Kollegin ein und in der darauffolgenden Woche übte der Schüler mit den Unterlagen, die sie für ihn vorbereitet hatte. Er kann nun einfache Sätze in Druckschrift abschreiben und übt selbstständig seinen Text. Die Schreibschrift probiert er immer wieder. Er kann die Buchstaben nachfahren und kann auch Überschneidungen durchführen.
Zu Beginn des Leselernprozesses konnte der Schüler weitgehend parallel unterrichtet werden. Aber auch hier wurde zur Vertiefung ein spezielles Übungsangebot bereitgestellt, mit dem er sich dann selbst beschäftigen konnte. Die gelernten Buchstaben und Laute konnte er richtig zuordnen, beachtete aber nur den ersten Buchstaben bei den Wörtern. Mit der Zeit fing er an lautierend zu lesen. Er achtete dabei noch nicht auf die einzelnen Wörter. Nun erhielt er Übungsmaterial, damit er auch die folgenden Buchstaben beachtet. Er hat so das Lesen erlernt und kann inzwischen einfache Sätze und Texte lesen und versteht auch den Inhalt. Lesen bereitet ihm sehr viel Spaß und er nutzt häufig die Gelegenheit sich mit Geschichten zu beschäftigen.
Mathematik ist für den Schüler recht problematisch. Bei der Einschulung konnte er lediglich eine Menge mit zwei Dingen erfassen. Es dauerte sehr lange bis der Zahlenraum bis vier erweitert werden konnte. Inzwischen kann er bis acht zählen und einfache Rechenaufgaben mit Anschauungshilfen lösen. Die Würfelbilder kann er nun schon mit einem Blick erfassen und benennen. Häufig beteiligt er sich an Würfelspielen und fordert auch Schüler zum Spielen auf.
Nicht nur auf die Schulung der kognitiven Fähigkeiten legen die Eltern großen Wert. Bei Gesprächen wird jedesmal deutlich, wie viel Fortschritte der Schüler auch im sozialen Bereich gemacht hat. Die Anerkennung seiner Leistungen und Fähigkeiten in der Klasse, aber auch im häuslichen Bereich, spielten eine wichtige Rolle.
Zum Abschluss des vergangenen Schuljahres hat die Klasse in der Schule übernachtet. Meine Söhne haben mich in der Betreuung unterstützt. Julian hat sich sofort zu meinem Sohn gesetzt, hat mit ihm und einer Gruppe Spiele und die Schulhausrallye gemacht. Er hat auch mit übernachtet. Allerdings ist er in der Nacht aufgewacht. Da es mir nicht gelang ihn zu trösten, habe ich die Eltern angerufen, die sofort ihn abgeholt haben. Am Morgen ist die Mutter jedoch wieder mit ihm zum Frühstück gekommen.
Die Mutter bemühte sich, als sie erfuhr, dass der Schüler gerne am Schwimmunterricht teilnimmt, um einen Schwimmkurs, damit er seine Hemmungen überwinden lernt. In den Ferien besuchte er diesen Kurs, konnte zwar nicht das Schwimmen erlernen, hat aber viel von seiner Angst abbauen können.
Im Klassenverband haben wir im Rahmen des Sachunterrichts eine Gemüsesuppe zubereitet. Nun war es nötig, Gemüse zu schneiden, was den Umgang mit dem Messer erforderlich machte. Da er von zu Hause bereits den Umgang mit Messern gelernt hatte, ging er sorgsam und sicher mit dem Messer um.
Er ist sehr flink und auch in seinen Bewegungen sehr geschickt. Für den Sportunterricht ist dies von Bedeutung, da er so an allen Übungen teilnehmen kann. Zwar scheut er vor manchen Übungen noch zurück, hat nun aber gelernt Hilfe von seinen Mitschülern oder vom Lehrer in Anspruch zu nehmen und auch selbstständig zu fordern.

Eine Kollegin unserer Schule, deren Kind bei mir in der Klasse ist, war während einer Freistunde zur Hospitation bei mir im Unterricht. Auch sie hat festgestellt, dass Julian in der Klasse aufgenommen ist und nicht den Ablauf des Schullebens stört.
Bei der Ausführung seiner Arbeiten im Werken benötigt er laufend Hilfe. Er ist willig, doch kann er nur einzelne Schritte ausführen. Wenn die anderen Schüler mit ihrer Aufgabe zurecht kommen, bleibt mir die Gelegenheit Julian zu helfen. Das konzentrierte Arbeiten strengt ihn an und fordert in stark. Stolz zeigt er seine Ergebnisse und wird von allen bewundert und gelobt. Wenn er nicht mehr kann, weiß er sich durchaus zu helfen. Bei einer Arbeit erklärte er mir “Aber nur noch des und dann ist Schluss!“