Integration

ein Versuch

Volksschule HeimbuchenthaI im Spessart:
Die ersten Gespräche führten Julians Eltern mit Rektor  Heinz Heinrich bereits drei Jahre vor der Einschulung. 

Julian wurde mit dem Downsyndrom geboren, sollte aber nach dem Willen seiner EItern nicht eine Förderschule, sondern die Grundschule besuchen. "Sicher haben meine persönlichen Erfahrungen dazu beigetragen, dass ich für das Anliegen besonders aufgeschlossen war"., erläutert der Schulleiter. Er hat einen inzwischen erwachsenen Sohn mit Downsyndrom.

Im Frühjahr 1997 nahm Julian am Einschulungstest teil. Der Schularzt bestätigte ihm in körperlicher Hinsicht die Schulfähigkeit, die Entscheidung darüber, wo der 7-Jährige am besten gefördert werden konnte, lag bei der Schule. Rektor Heinrich informierte sich bei den Eltern, wie selbständig ihr Sohn im Alltag ist, holte die Empfehlungen der Erzieherinnen im Kindergarten ein, führte intensive Gespräche mit dem Lehrerkollegium, nahm Kontakt mit der Förderschule auf und erläuterte das Vorhaben den Eltern der künftigen ersten Klasse. Dann erst gab er grünes Licht.

Wie sich der Versuch, ein Kind mit Downsyndrom in eine Grundschule aufzunehmen, anließ, erläutert Mechthild Pfeifer, Julians Klassenleiterin in den Jahrgangsstufen 1 und 2:

Mein erster Gedanke war, dass die Eltern wohl sehr ehrgeizig sind und die Behinderung ihres Kindes nicht akzeptieren wollen. Meine Skepsis wich jedoch, als ich mich bei der Einschreibung eingehend mit Julians Mutter unterhielt. Sie wollte, dass ihr Sohn in seiner gewohnten Umgebung bleibt, die Kontakte aus dem Kindergarten aufrechterhalten kann und bestmöglich gefördert wird. Dass dies in der Regelschule schwierig sein würde, war ihr bewusst.

Im Unterricht zeigte sich, dass Julian bei den ersten Tests unter den Leistungen der anderen Kinder lag. Auch sein Verhalten war anfangs problematisch, da er nicht von meiner Seite wich. Am Unterricht beteiligte er sich selten. Schließlich benötigte er häufiger Ruhephasen und konnte sich nur kurzzeitig konzentrieren. Eine wichtige Hilfe war mir in dieser Anfangsphase Sonderschullehrerin Ilona Rauscher, die die sonderpädagogische Betreuung von Julian übernommen hatte. Durch ihre wertvollen Tipps konnte ich freier mit der ungewohnten Situation umgehen.

Nach und nach gewöhnte sich Julian an den Ablauf des Schulbetriebs. Er lernte, sich ruhig zu verhalten, und begann damit, Arbeitsaufträge selbständig auszuführen. Es war sehr viel Arbeit von mir und Frau Rauscher notwendig, bis sich Fortschritte beim Schreiben, Lesen und seiner Sprachentwicklung einstellten. Das Rechnen war von Anfang an sehr problematisch, und es dauerte lange, bis Julian einfache Rechenaufgaben mit Anschauungshilfen lösen konnte. Dennoch blieben seine Leistungen in diesem Fach unter denen seiner Mitschüler. Diese tolerierten von Anfang an seine Ausnahmestellung. Schüler der höheren Klassen unterstützten ihn in den praktischen Fächern, boten ihm in den Freistunden ihre Hilfe an, betreuten ihn an der Bushaltestelle und während der Pausen. Das soziale Verhalten in der Klasse veränderte sich positiv - man lernte ganz natürlich, mit einem behinderten Mitschüler umzugehen. Aber auch Julian seinerseits profitierte von seinem Aufenthalt in der Klasse. Die Anerkennung seiner Leistungen durch die anderen Schüler, ihr Lob und ihre Hilfsbereitschaft stärkten sein Selbstvertrauen. Fazit nach zwei Schuljahren: Wir wollten versuchen, Julian auch in der 3. Klasse an unserer Schule zu halten. Die Voraussetzungen dafür waren meiner Meinung nach gegeben.

In der 3. Klasse übernahm Frau Karpf die Klasse. Sie bestätigt, dass die soziale Integration von Julian sehr gut gelungen  ist. Allerdings stellt sie fest, dass sich aufgrund der erheblich verzögerten Entwicklung von Julian die Kluft zwischen seinen Interessen und denen

Lernen, wie man telefoniert

seiner Mitschüler zunehmend vergrößert. Auch was seine Leistungen betrifft, zeigt sich, dass der Aufenthalt in der Regelschule zunehmend problematisch wird. Vor allem im Fach Rechnen kann Julian Aufgaben nur mit Anschauungsmaterial lösen, das von der Sonderschullehrerin für die ganze Woche vorbereitet wurde. Auch im Fach Deutsch zeigen sich in der 3. Klasse die Grenzen. Julian kann zwar einfache Texte in Druckschrift lesen und leichte Fragen beantworten, sprachliche oder inhaltliche Zusammenhänge aber nur schwer erfassen.

"Die pädagogische Verantwortung für die anderen Schüler", erläutert Klassenleiterin Maresa Karpf, "lässt die für Julian notwendige Betreuung in dem Maß, wie ich sie für wünschenswert erachte, nicht mehr zu." Im Hinblick auf die beruflichen Möglichkeiten nach der Schule müssten Julians manuelle Fertigkeiten stärker gefördert werden. Er sollte jetzt z.B. lernen, wie man telefoniert, wie man mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen umgeht usw. Dafür aber, so die Lehrerin, sei die Förderschule mit ihrem eigenen Lernbereich "Lebenspraxis" der richtige Ort. Diese Einschätzung teilt auch Sonderschullehrerin Ilona Rauscher.

Dennoch ist Julian seit letztem September in der 4. Klasse. "Aus schulischer Sicht wäre der Wechsel an die Förderschule nach der 2. Klasse sicher sinnvoll gewesen. Aber wir wollten Julian nicht aus der 3. Klasse herausreißen", so Schulleiter Heinz Heinrich. "Nach dem Halbjahreszeugnis werden wir uns jedoch mit den Eltern zusammensetzen und in aller Offenheit darüber sprechen, wie es nach der 4. Klasse weitergehen soll." Nachdem für viele Schüler nun der Übertritt an andere Schularten anstehe, wäre auch für Julian, so der Schulleiter, der "Übergang an die Förderschule ein ganz natürlicher Vorgang". Bei den Eltern ist in diesem Punkt allerdings noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Für die Mutter gilt vor allem, dass ihr 

Den Einzelfall sehen

Sohn gerne in die Grundschule geht und sich dort äußerst wohl fühlt. Einem Wechsel an die Förderschule steht sie daher noch skeptisch gegen über. Aber es deutet sich ein Kompromiss an: Julian könnte zusammen mit Sonderschullehrerin Ilona Rauscher die Förderschule für einige Zeit besuchen. Rektor Heinrich abschließend: " Wenn man sich auf ein solches Experiment einlässt, muss man immer individuelle Lösungen suchen. So sehr ich im Einzelfall diese Form der Integration begrüße, müssen wir als Pädagogen auch an die Zukunft denken. Dabei gilt der Grundsatz, für die Ausbildung eines Kindes die Schulart zu wählen, die für seine Entwicklung und Förderung die beste ist.

Hand in Hand: So macht Julian der Ausflug mit der Klasse Spaß. Einmal pro Woche kommt Sonderschullehrerin Ilona Rauscher in die Grundschule, um mit Julian zu arbeiten.
Folgende Leitlinien legte die Volksschule Heimbuchenthal gemeinsam mit allen Beteiligten für die Aufnahme eines Kindes mit Downsyndrom fest:
  • Der Versuch ist für alle Beteiligten Neuland. 
  • Die zeitliche Dauer des Versuches hängt von der Entwicklung des Kindes ab.
  • Die Schule zur individuellen Lebensbewältigung nimmt das Kind auf, wenn der Besuch der Grundschule nicht mehr vertretbar ist. 
  • Die Mutter ist bereit, jederzeit in die Schule zu kommen. 
  • Eine Sonderschullehrerin kommt jeden Freitag an den ersten drei Stunden in den Unterricht.
  • Für die Unterstützung der Klassenlehrerin steht eine Förderlehrerin zur Verfügung.