Die ganz normale Einschulung eines Jungen

In Heimbuchenthal besucht Kind mit Down-Syndrom erste Klasse: vom Erfolg eines Versuchs

Heimbuchenthal. Julian wird im September 8 Jahre alt. Er besucht die erste Klasse der Heimbuchenthaler Verbandsschule. Gemeinsam mit 23 Klassenkameraden lernt er bei seiner Lehrerin zu schreiben, rechnen, malen, turnen. Wie seine Mitschüler tobt er in den Pausen ausgelassen auf dem Pausenhof herum, freut sich an Spielen. Nachmittags muß er ­ wie die anderen auch ­ seine Hausaufgaben erledigen. Er braucht dazu etwas länger, und seine Mutter muß sich intensiver darum kümmern: Julian kam mit Trisomie 21 ­ auch Down-Syndrom oder Mongoloismus genannt ­ zur Welt.

Daß Julian trotzdem nicht in die Sonderschule nach Aschaffenburg fahren muß, verdankt er mehreren Faktoren. Ganz am Anfang stand da seine Familie, in deren Geborgenheit er nicht nur beschützt wurde, sondern auch gefordert und damit gefördert. Dann kam mit der Kindergartenzeit die erste große Trennung von Zuhause. Diese Zeit verbrachte Julian im Heimbuchenthaler Kindergarten.

Und das wiederum war einer der Aspekte, die für Schulleiter Heinz Heinrich dafür sprachen, Julian in die Heimbuchenthaler Schule aufzunehmen. Der Junge war bereits im Kindergarten mit den jetzigen Klassenkameraden zusammen, er kennt sie und ist integriert. Er kann alleine auf die Toilette gehen, und seine Mutter ist immer erreichbar, sollten Probleme auftauchen.

Dennoch gab es zunächst Fragen: Warum ein Kind mit Behinderung in eine Regelschule aufnehmen, warum dieses Risiko eingehen, wenn Schulen da sind, die eigens für Kinder mit Behinderungen eingerichtet wurden? Auch für seine Klassenleiterin stellten sich Fragen. Werde ich damit umgehen können? Wird die Klasse damit umgehen können? Wie ist Unterricht mit einem Kind mit Behinderung möglich? Sind wir dem Ganzen gewachsen? Und: Tun wir dem Kind überhaupt einen Gefallen oder wird es eher negativ für ihn sein? Eine schwere Entscheidung.

Für den Schulleiter war die Situation möglicherweise überschaubar. Auch sein Sohn kam mit Trisomie 21 zur Welt. Heinrich kennt Kinder mit dieser Behinderung, kennt deren Schwächen, aber auch die Stärken. Gemeinsam mit den Eltern begann das Abwägen: Wo ist Julian besser aufgehoben? Ist es für ihn wirklich von Vorteil, wenn er bei den Kindern bleiben kann, die er schon vom Kindergarten her kennt, weil er durch den natürlichen Nachahmungstrieb, der allen Kindern eigen ist, möglicherweise mehr lernen kann, besser motiviert wird? Oder wird er angesichts der größeren Fortschritte, die seinen Klassenkameraden möglich sind, resignieren und überhaupt nichts lernen?

Darum war auch nicht so sehr die Frage, wie Julian in die Regelschule zu bringen ist, sondern welche Schule ist besser für ihn. Gegen die Regelschule sprechen die größeren Klassen und auch das Grundverständnis von Unterricht: Die Förderschule erarbeitet Grundbegriffe, Grundschule setzt sie schon voraus.

Zudem ist wichtig, ob das Kind gezielt zum Arbeiten anzuhalten sein wird. Weil weder Schule noch Eltern darauf fixiert waren, auf jedem Fall an der Grundschule festzuhalten, war allerdings ein flexibles Reagieren möglich.

Gerade die Offenheit der Eltern war Grundlage dafür, daß sich schließlich die Heimbuchenthaler Schule auf den Versuch einlassen konnte. Positiv war für das Vorhaben, daß jede Woche eine Lehrerin der Comeniusschule sich in Heimbuchenthal intensiv um Julian kümmert. Sie hält Kontakt mit der Klassenleiterin, berät sich regelmäßig mit der Mutter. Hauptsächlich aber lernt sie mit Julian.

Heute, nach einem guten halben Jahr, kann davon ausgegangen werden, daß die Entscheidung nicht falsch war. Julian lernt gut, manches Lernangebot muß für ihn anders sein als für seine Kameraden, aber er fühlt sich wohl. Seine Leistungsschwankungen sind stärker als bei anderen Kindern, er bringt dafür ein sehr herzliches Klima in die Klasse, von dem wiederum alle profitieren. Seine offene Zutraulichkeit steckt auch seine Mitschüler an. Die Klasse ist anders, aber ­ so seine Lehrerin ­ nicht schwieriger. Der Umgang der Kinder untereinander ist gut, weil sie viel von Julians liebevoller Art übernehmen.

Die Kameraden lernen mit seiner Behinderung natürlich umzugehen. Heinz Heinrich freut sich, weil Julians positiver Einfluß nicht nur auf die Klasse beschränkt ist: Der Sanitätsdienst achtet in den Pausen besonders auf ihn; ältere Schüler kümmern sich um ihn, um ihm dort zu helfen, wo er Hilfe braucht. Passen auf, daß er den Schulbus nicht verpaßt und lernen damit automatisch Mitverantwortung für andere zu übernehmen.